Alles, was Ihr schon immer wissen wolltet

Earl Grey, 14.04.2004

 

Ächz, stöhn, kämpf, krach, peng, tätsch, auuuuuuu, fluch und tief durchatmen: Estoy aqui en el computador. Soy Earl Grey, el gris. Das hat aber ganz schön lange gedauert bis ich endlich wieder einmal die Zeit gefunden habe, mich in Ruhe hinzusetzen um Euch Menschen ein paar Zeilen zu schreiben. Hier in Santiago gibt es eben so viel zu entdecken. Zudem haben mich Mark und Benita stark in Anspruch genommen. Als Schutzengel der Traumwelt musste ich in den letzten Wochen hart arbeiten. Zu Beginn hatten es Benita und Mark in Santiago nicht immer ganz einfach. Sie wurden mit den Ecken und Kanten des Ausländerseins konfrontiert, sie mussten sich in ihrem neuen Arbeitsleben zurechtfinden und ihre Zukunftspläne glichen immer noch einem Rezept, das die Zutaten beinhaltet, jedoch die Menge und Zubereitungsart völlig offen lässt. Dazu jedoch ein paar Gedanken von Benita selbst in einem anderen Kapitel. Ich werde Euch jetzt einfach mal erzählen, was die beiden in Santiago schon alles erlebt und erreicht haben. Ich bin eben mehr ein Mann der nackten Tatsachen. Das ewige Gedankenschaufeln und herumphilosophieren überlasse ich dem Rest der Welt.

 

Unser Bett mit Ausicht

Wohnung

Jamiras und mein Rat an die zwei Suchenden war klar: „Stresst euch nicht mit Wohnungsbesichtigungen. Schaut euch zwei, drei Sachen an, hört auf euer Herz und entscheidet. Es ist ja doch nur für vier Monate!“ Einmal haben sie auf uns gehört und wohnen nun in der schönsten Wohnung, die sie jemals hatten. Ja, manchmal können wir Schutzengel wirklich von Nutzen sein.
Der Entscheid für diese Wohnung war jedoch kein Entscheid, vielmehr war es ein Geschenk des Zufalles. Es ist ein Appartment in bester Lage, mit zur Zeit vier anderen Extranjeros. Am Anfang war es für die beiden zwar ein bisschen gewöhnungsbedürftig, zu sechst in der Küche zu stehen, aber mit der Zeit und ein paar Regeln spielt sich alles ein. Die ganze Wohnung besitzt einen wunderschönen antiken Parketboden, sie haben drei 24-Stunden Internetanschlüsse und alles funktioniert wie in einem Luxusleben. Das Zimmer von Benita und Mark ist riesig, und damit man sich nicht ganz darin verliert, gingen die zwei gleich auf den Flohmarkt und kauften Schaukelstuhl, Lampe und etwas Grünzeug ein. Das Beste in ihrem Zimmer sind jedoch die drei grossen Fenstertüren zum Öffnen. Wenn man sich aufs Geländer stützt, den Oberkörper weit nach vorne beugt und die Arme emporhebt, dann kann man die wunderschöne Aussicht über Santiago auf eine Titanic-artige Weise geniessen.

 

Gemütliche Ecke

Unsere Mitbewohner

Arbeitsecke

 

Arbeit

Mark hat sich schnell wieder in der Welt der Universität eingenistet, und nutzt nun die Zeit, um viele Projekte endlich mal abzuschliessen. Danach hofft er dann auf einen klaren Kopf, frei für seine Forschung. Gerade nach der Konferenz in der letzten Woche scheint die Sucht nach Lösungen für Probleme, die ich als Schutzengel nicht mal ansatzweise verstehe, wieder von Neuem ausgebrochen zu sein. Irgend etwas mit vielen Zahlen und Algorythmen hält ihn dauernd auf Trab.
Benita wirkte auf mich nicht allzu glücklich als Hausfrau. Darüber wird sie bestimmt noch ausführlich in einem anderen Text berichten, bin ich mir sicher. Jetzt hat sie ja zum Glück eine Freiwilligenarbeit beim Roten Kreuz angeboten bekommen und muss nun nur noch auf den Startschuss warten. Zuerst wird sie ein paar Wochen in einem Heim für Trisomie 21 Kinder helfen, und dann für einige Zeit bei der Entwicklung eines neuen Heims für dieselbigen mitarbeiten.
Die härteste Arbeit jedoch ist das Spanisch lernen. Jeden Morgen um 7.30 Uhr beginnt der Unterricht für Mark und Benita. Die beiden müssen dann für zwei Stunden voll bei der Sache sein. Sie haben la profesora Mirta erwischt, die Besitzerin der Schule; streng, gnadenlos, auf das Detail fixiert und bei guter Laune gibt es sogar einmal ein Lob.

Mark arbeitet oft auch zu Hause

Die stolze Hausfrau

 

Im Nationalstadion: Pause beim Beachen

Sport

Warum soll es auch anders sein? Schon in der ersten Woche standen die beiden auf dem Beach-Volleyballfeld des Nationalstadions Santiago und spurteten im Sand bis sie nicht mehr konnten. Zweimal wöchentlich trainieren sie in einem Aufbauprogramm und danach in einer Frauen- resp. Männermannschaft Volleyball an der Universität. Ihr hättet ihre Gesichter sehen sollen. Beide haben schon lange nicht mehr soviel an ihrer Technik kritisiert bekommen. Sie geben jedoch nicht auf und versuchen den neuen Tipps gerecht zu werden. Das Niveau ist eben extrem hoch hier...
Ansonsten versuchen sie sich mit Joggen und Fitnessstudio aufrecht zu erhalten. Die Aerobicstunden sind zwar mehr Salsa als sonst etwas, aber da passt man sich mit der Zeit an.

 

Freizeit

Hier in Santiago gibt es viel zu tun an den Wochenenden. Am meisten gefallen mir die vielen Märkte, wo man handeln kann und einfach alles findet, was das Herz begehrt. Dabei gibt es meistens einen frisch gemixten Fruchtsaft, ein Traum, fast so gut wie Schokolade! Wenn ich Glück habe gibt mir Mark manchmal zwei, drei Züge ab. Bei Benita habe ich die Hoffnung schon lange aufgegeben, die teilt beim Essen ja sowie so nie etwas...
Cool ist auch die Lage von Santiago. Bereits nach zwei Stunden Busfahrt steckt man mitten in den Bergen oder bräunt sich am Meer. Wenn man dann noch das Flugzeug nimmt, ist man in zwei Stunden sogar in Buones Aires und schaut den Argentinier beim Tango tanzen zu.

Grabmäler in Buenos Aires

Gletschertor Cerro El Morado

Das Meer bei La Serena

Der Tango in den Strassen von Buenos Aires

 

Die Stadt selbst

Santiago ist eine typische südamerikanische Grossstadt. Sie ist umrundet von Bergen, welche man jedoch fast nur im Sommer bewundern kann, wenn der Smog nicht allzu stark ist. Da sie mehr horizontal als vertikal gebaut ist, bemerkt man ihre Grösse kaum. Der Verkehr erinnert jedoch um so stärker daran, das hier ca. 4,5 Milionen Chilenen zu Hause sind. Der Lärm ist schon sehr eindrücklich, gehört jedoch einfach zum Alltag hier. Cool finde ich, wenn ich mit den beiden Busfahren darf. Sogar aus einer Hosentasche heraus ist dies ein erfrischendes Abenteuer und macht mega Spass. Zuerst muss man den Richtigen aus Tausenden erwischen. Handgeschriebene Tafeln mit Richtungshinweisen befinden sich an der Frontscheibe. Auf gut Glück winkt man sich den gewünschten Bus heran und springt gleichzeitig auf. Im Fahren bezahlt man sein Ticket und ist froh, wenn man einen Sitz ergatern kann, ohne hinzufallen. Ansonsten heisst es festhalten und geniessen. Dem Verkehr trotzen viele grüne Parks und ein, zwei Hügelchen. Dies ist ein willkommener Ausgleich und zudem der Treffpunkt für chilenische verliebte Pärchen. Die Stadt bietet noch viel mehr Gegensätze. Am meisten überrascht waren Benita und Mark von den grossen Shopping-Centern, die durchaus mit den Amerikanischen zu verwechseln sind. Schade, irgendwie geht durch diese Klötze viel Kultur verloren. Da sind die mehrfarbigen Häuser und kleinen Läden Gold wert. Santiago ist eine Stadt, die pulsiert und die schnell zum zu Hause werden kann.

Farbige Häuser in Santiago

Santiago von unserem Hausberg aus

 

Die Zukunft

Wow, die beiden haben sich einen knallgelben VW-Bus, Jahrgang 1990, gekauft. Falls Jamira und ich es für richtig halten, werden sie wohl für ihre weitere Reise mit diesem Schnäppchen unterwegs sein. Zuerst müssen sie jedoch noch Hammer und Schraubenzieher in die Hand nehmen und etwas gemütliches Innenleben hervorzaubern. Mal schauen, wie begabt die zwei sind, sie haben ja noch bis Ende Juni Zeit, bevor es losgeht. In zwei Wochen kommen erstmal Mark´s Eltern, und dann geht´s in Chiles Norden.

 

Viel mehr kann ich Euch aus dem Leben in Santiago nicht berichten, ausser dass mir das ewige “Geturtle“ von Benita und Mark langsam auf den Wecker geht. Die sind ja wie zwei Magnete, deren Sinn darin besteht zu haften und nochmals zu haften. Na ja, ich werde mich mal ein bisschen um Jamira kümmern gehen. Machts gut.

El gris