Faszinierendes Chile

Mark, 12.7.2004

Ah, jetzt muss ich doch glatt selbst mal was schreiben. Bis jetzt hat Benita ja immer alle Texte hier produziert, und ich hab mich schön im Hintergrund gehalten, ein bisschen Tippfehler korrigiert und Fotos eingebaut, das war’s. Liegt mir ja auch viel besser, Schreiben war ja noch nie meine Stärke. Bis heute war das ganz ok, weil ich mich auch immer in Benita’s Texten widergefunden habe. Aber jetzt, diese Hass-Tirade auf Chile ohne ein einziges positives Wort, das kann ich einfach nicht so stehen lassen! Ich habe die Zeit hier anders erlebt. Und ich weiss ja auch, dass Benita viele Sachen, die mir an Chile so gut gefallen, auch schön findet. Sonst hätten wir ja auch nie beide versucht, hier einen Job zu finden.

Klar, Chile ist manchmal schon extrem anstrengend. Wenn dir ein Mechaniker sagt: „Der Ölwechsel ist in einer Stunde fertig“, und vier Stunden später kommst du zurück und sie haben gerade erst angefangen, das nervt. Oder wenn du dich mit einem Prof auf vier Uhr verabredest und dann von seiner Sekretärin erfährst, dass er ja von drei bis sechs an einer Diplomverleihung ist und dann „wohl danach mal vorbeischaut“. Oder wenn die Vermieterin dir eine Heizung verspricht, und dann mit einem besseren Föhn auftaucht, der gerade mal eine Telefonzelle aufheizen könnte, aber niemals das riesige und eisige Zimmer. Ja, das ist Chile, und daran muss man sich erst mal gewöhnen. Aber Chile ist auch anders, faszinierend, spannend, super-schön!

Dass ich so einen ganz anderen Eindruck von Chile habe als Benita liegt wohl vor allem daran, dass ich mit meinem Job an der Uni Chile so ein Riesen-Glück hatte. Die Uni ist super-modern, und ich konnte mich voll auf meine Forschung konzentrieren. Endlich hatte ich mal Zeit, die ganzen Paper fertigzuschreiben, die während meiner Diss in Zürich liegengeblieben sind. Jetzt ist forschungsmässig erstmal alles abgeschlossen, und ich kann vollig frei reisen gehen. Zumindest fast, ich hatte nämlich noch eine extrem spannende Idee für ein neues Projekt, das mir seitdem im Kopf rumspukt.

Strassenmarkt Bio-Bio

Aber ich finde auch Chile als Land faszinierend. Es hat so viele unterschiedliche Gesichter, einfach unglaublich. Es ist ja offiziell ein „Schwellenland“, das heisst irgendwo zwischen Entwicklungs- und Industrieland. Und das merkt man an allen Ecken und Enden. Da sind zum Beispiel die riesigen Shopping-Malls, grösser als der Zürcher Hauptbahnhof, in denen die reichen Chilenen sich mit den neuesten Elektronik-Gadgets eindecken, und grad nebenan ist der winzige 3qm-Tante-Emma-Laden, in dem eine uralte Chilenin Mais, Milch und Empanadas verkauft. Oder die Strassen: Die wichtigsten Verbindungen sind super ausgebaut, mit modernsten Antirutsch-Belägen und 1a-Markierungen (das sollten sich die europäischen Strassenbauer mal anschauen), aber sobald man davon abzweigt, trifft man auf Lehm, Schotter und Sand, und ohne 4x4 wird’s spannend. Aber auch mitten in Santiago muss man immer mit Schlaglöchern rechnen, in denen man locker 20kg Äpfel unterbringen könnte.

Apropos Verkehr: Busfahren ist auch so etwas. In Santiago ist das Bussystem ein einziges wohlgeordnetes Chaos, und die meisten Blechkisten wirken, als würde nur die gelbe Farbe sie noch zusammenhalten. Da es hunderte unabhängige kleine Busunternehmen gibt, kämpfen die Fahrer um jeden einzelnen Passagier. Sie rasen wie die Verrückten durch die Stadt, die Hand permanent auf der Hupe, bis sie einen potentiellen Fahrgast erspähen - irgendwo am Strassenrand, die Haltestellen sind sowieso nur Zierde. Dann gehen sie voll in die Bremsen und halten, auch wenn sie gerade auf der dritten Spur überholt haben. Es gibt nichts Gefährlicheres in Santiago als einen Bus, egal ob man drin sitzt oder daneben auf dem Velo fährt. Das absolute Gegenteil ist das Überland-System: Modernste Reisebusse mit allem Komfort (WC, Schlafsitze, Frühstück), die gemütlich mit 99km/h - ab 100 gibt’s einen schrecklichen Warnton - über Chiles Landstrassen tuckern. Es gibt einen fixen Fahrplan, und fix heisst hier wirklich fix: Die Busse fahren sogar noch pünklicher als die Schweizer Bundesbahnen! Das ist absolut entspanntes Reisen, was super ist, wenn man z.B. 20 Stunden von Santiago nach Antofagasta fährt.

Santiago's Berge

Santiago selber ist nicht wirklich schön, aber die Lage ist einfach genial. In der einen Richtung ist man in gut einer Stunde am Meer, und auf der anderen Seite reichen die Gipfel der Anden bis zur Stadtgrenze. Regen ist so selten, dass es praktisch keine Kanalisation gibt – was natürlich dazu führt, dass die Strassen sich sofort in kleine Seen verwandeln, wenn es doch mal für mehr als 1 Stunde giest. Im „Winter“ kann man den Schnee in den Anden sehen, aber mehr als einen warmen Pulli für den Abend braucht man kaum. Obst und Gemüse gibt es im Überfluss, und überall bekommt man frische Fruchtsäfte, vielleicht das Beste überhaupt an Chile: Einfach etwas zerstückeltes Eis, Zucker und eine riesige Menge Himbeeren für ein paar Sekunden in den Mixer, und dann geniessen! Super, und wenn der erste halbe Liter nicht reicht, gibt’s halt noch einen, kostet ja (fast) nichts.

Es gibt natürlich noch tausend Sachen, die ich über Chile schreiben könnte – die knalligen Farben, die fliegenden Händler, die in den Bussen alles von Kaugummi bis zu medizinischer Fachliteratur anbieten (und auch verkaufen!), die herzigen Strassenhunde, den leider zu starken Einfluss der katholischen Kirche auf die Politik, die Leute, die wir kennengelernt haben - aber erstens ist gleich der Akku von unserem Compi leer, und zweitens wollen wir heute noch über die Grenze nach Bolivien. Stattdessen gibt’s jetzt noch ein paar Fotos von hier, dann versteht ihr wahrscheinlich am Besten, warum wir so gern für ein paar Jahre hier leben würden.

Alles Liebe,
Mark

 

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