Die Gastfreundschaft

 

Benita, 12.3.2004


Diese Reise bringt mir einmal mehr etwas näher, das ich schon so oft in meinem Leben geniessen durfte und das ich trotzdem im Alltag vergessen habe: die Gastfreundschaft.

Zum Teil sind es enge Freunde, aber auch entfernte Bekannte, die uns spontan in ihr zu Hause einladen. Ich sehe Mark und mich oft als labenden Grippevirus, der sich langsam epedemisch über Canada und Chile ausbreitet und gezielt an den freundlichsten Haustüren klopft. Klar nehmen wir gleich die Rolle des willkommenen Gastes an und empfangen die verschiedensten Aufmerksamkeiten, wie ein frisches Bett, einen eigenen Hausschlüssel und eine warme Dusche. Selbstverständlichkeiten, die man nur als Schmarozer erleben kann.

Unsere Gastfamilie in Victoria; Hausi mit Kindern, Ulrike und Bambi mit Mutter im Garten

Die Welt des Nehmenden ist jedoch nicht immer die Einfachste. Uns begleiten häufig Diskusionen wie, wo sich wohl die individuellen Grenzen der Gastfreundschaft befinden, was als unhöflich gilt und wann die Privatsphäre zu fest belastet wird. Natürlich kämpft ein pflichtbewusstes Schweizerherz auch mit der Frage "Wie kann ich das nur wieder gut machen?" oder "Gibt es eine entsprechende Gegenleistung?" Dieser Teil des Viruslebens lehrt uns immer wieder die grösste Kunst des Schmarozers: zu geniessen und zu geniessen und das Gewissen feinfühlig, aber nur selten am Spiel teilnehmen zulassen, damit es das Geniessen nicht verdirbt.

Einmal mehr sehe ich uns nicht als Durchschnitt oder Normal. Eine Erkenntnis, die ich bereits am Flughafen in Toronto gewonnen habe, als mich der Zöllner nach dem Handgepäck fragte. Ich hielt ihm den Volleyball unter die Nase, worauf sich die Augenbrauen des Zöllners ungläubig verzogen und die Stirn mit Falten übersäht wurde. Ob er wohl nach einem Beauty-Case Ausschau hielt? Wie auch immer, im Gast-sein sind wir, glaube ich, wirklich auf der spezielleren Seite. Nach dem ersten Beschnuppern oder Umarmen machen wir uns meistens erstmal in der Küche breit. Ihr wisst gar nicht wie schön es ist, seine Spaghetti selber zu kochen. So, dass sie genau richtig sind. Nicht zu hart und schon gar nicht zu weich, damit sie nicht gleich am Gaumen kleben bleiben. Da kommt eine komplett eingerichtete Küche genau richtig. Mark und ich wussten beide nicht, dass uns das Kochen jemals so stark fehlen könnte. Für uns ist es das grösste Geschenk der Gastgeber, wenn wir unser eigenes Essen herzaubern können. Wahrscheinlich ist es aber auch eines der grösseren Opfer des Gastgebers, denn Küchen können ja bekanntlich heilig sein, oder?

Perfekte Gastgeber: Ivana in Toronto und Beat in Chile. Er war wohl nach unserem Besuch ziemlich am Ende...

Hmmm, Ihr habt jetzt vielleicht Lust bekommen, auch mal Gastgeber zu spielen? Mark und ich haben ein paar Tipps zusammengestellt, die Euch zu einem unvergesslich guten, wenn nicht perfekten Gastgeber machen:

  1. Die Waschmaschine
    Der Reisende hat immer Kleider, die gewaschen werden müssen. Das dreckige T-Shirt von heute muss dringend das saubere von morgen werden, man hat ja nur zwei.

  2. Das Telefon
    Die Familie zu Hause möchte natürlich so oft wie möglich hören, dass alles in Ordnung ist, und es gibt nichts Schöneres, als ´ne Viertelstunde mit seinen Freunden zu quaseln und trotz der Entfernung wieder auf dem neustem Stand zu sein.

  3. Die Dusche
    Eine heisse Dusche mit gutem Strahl spült den ganzen Dreck und Schweiss der Strasse runter und entspannt verkrampfte Muskeln. Einfach genial!

  4. Die Küche
    Auch Gastfreundschaft geht durch den Magen. Wenn man sein eigenes Essen nach seinen eigenen Vorstellungen kochen kann, fühlt man sich so richtig zu Hause.

  5. Der Stadtplan
    Der Reisende ist ein immer Suchender. Er kennt Nichts, würde das aber niemals zugeben, er möchte ja nicht als Tourist erkannt werden. Da hilft ein guter Stadtplan!

  6. Die Matrazze
    Weiche, durchhängende Matratzen sind der grösste Feind für den 15-Stunden-Busfahrt-geplagten Rücken. Habt Verständnis, wenn der Reisende dann lieber einfach auf am Boden schläft.

  7. Der Morgenstress
    Der Reisende weiss morgens einfach noch nicht, was er den ganzen Tag über unternehmen möchte. Verlangt also nicht nach einem Zeitplan, sondern ermöglicht ihm einen ruhigen, gemütlichen Start in den Tag.

  8. Die Fragen
    Vermeidet Fragen über Familie, Herkunft, Job und Reisepläne, das hat der Reisende schon tausend mal erzaehlen müssen, er spult es einfach wie vom Tonband ab. Eine spannende Diskusion über Politik, Kultur und Ethik sind dagegen immer willkommen.

  9. Der Sport
    Der Reisende braucht dringend Bewegung, sonst wird er dick und faul. Informiert ihn über die Sportmöglichkeiten in der Stadt, und zeigt ihm vor allem, wo das nächste Volleyballfeld ist.

 

Das ist doch nicht zu viel verlangt, oder? Wir wünschen Euch auf alle Fälle viel Spass mit Euren Gästen und melden uns aus Chile wieder.


Die gefährlichen Viren

Benita und Mark

Zwei berüchtigte Viren: Schwer identifizierbar, wechseln oft spontan ihr Aussehen