Mein kläglicher Versuch im Ausland zu leben

Benita, 12.7.2004

Ihr kennt mich alle als fröhliche Power-Benita, aber jetzt lasse ich für einmal meine depressive Hängerseite durchbrechen und jammere ohne Ende. Wer sich dabei mit mir solidarisieren will, kann jeweils an geeigneter Stelle ein böses Wort nach freier Wahl hinzufügen (z.bsp. hure Siech, verreckte Cheib etc.) und dabei ein Stück Schockolade verdrücken. Zum Einstieg eine Kurzbeschreibung wie ich mich in den letzten Monaten gefühlt habe:

Die Zeit in Santiago war verschissen! Es gab Tage, da habe ich mich stundenlang heulend unter die Decke verkrochen und gewartet bis mich Mark retten kommt. Nachdem mein absolut treuer Freund mit viel Geduld und mit höchster Sorgfalt das Minimum meines Selbstwertgefühles wieder hergestellt hatte, brauchte es nur eine Winzigkeit, und ich konnte mich nochmals eine Stunde länger auf’s Bett schmeissen und mich unter Salzwasser-Ergüssen endlos bemitleiden. Mit der Zeit wurde es immer schlimmer, bis ich schliesslich stampfend und krampfend vor dem Küchenregal endete und alle Teller runterschmeissen wollte, nur weil irgendeine blöde Sekretärin mich nicht wie versprochen zurückgerufen hatte. Zum Glück rettete Mark’s Umarmung die Keramikdinger...

Alles und vorallem die Chilen waren einfach grässlich, gemein und bestimmt gegen mich. Ich war wie in einem goldenen Gefängnis, ganz weit unten versteckt, wo mich niemand hören konnte. Golden, weil ich eigentlich ein wunderschönes Leben in Santiago hätte führen können, mit unbegrenzten Möglichkeiten, Zeit und Abenteuern, aber einfach den Ausweg aus diesen negativen Erlebnissen in Chile nicht fand. Das Gefängnis waren meine Ansprüche an mich selbst und meine falschen Vorstellungen vom Leben im Ausland, gejagt von häufigen “Du-Musst“ , “Du-Solltest“ und “in der Schweiz war es schöner und viel einfacher“. Vieles ging ich mit grossen Erwartungen, Optimismus und meiner typischen Extraportion Ungeduld und Ehrgeiz an. In der Schweiz hatte ich damit eigentlich immer alles erreicht, was ich wollte. Ja, da hatte ich meinen Status, meine Familie und meine Freunde. Aber hier, in diesem schrecklichen langgezogenen Stück Erde war ich nichts, manchmal sogar noch weniger als nichts. Immer wieder erfuhr ich, dass etwas nicht geht oder nicht so funktioniert, wie ich es gerne hätte. Das Schlimmste dabei war jedoch, dass Mark das Leben hier in diesem verhexten Land zu gefallen schien und dass ich mich mit meiner Superstimmung zu seinem einzigen schwarzen Punkt in Santiago entwickelte.

Manchmal kloppte ich in Gedanken unseren Traum vom Neuanfang im Ausland in eine Tonne, versiegelte das Ganze und versenkte es mit Gewicht im Meer. Ich hatte die Nase voll und wollte nur noch zurück in die Geborgenheit, nach Hause in die Schweiz, wo ich wusste, wer ich war. Ich vermisste die glückliche unbesorgte Benita und hasste gleichzeitig dieses neue ecklige unzufriedene Monster. Ich hasste es so sehr, dass ich ganz laut hätte aufschreien können und mir nichts sehnlicher wünschte, als mich von all dieser Last zu befreien und nur noch loszulaufen, zu laufen und zu laufen bis ich irgendwo erschöpft hinfallen konnte.

Mein Gewissen und mein Gerechtigkeitssinn sagten mir dauernd, dass ich meine Probleme nicht den Chilenen in die Schuhe schieben darf. Trotzdem sah ich nichts Positives an ihnen und an dieser unfreundlichen Stadt. Meine schlechten Erfahrungen konnten doch nicht einfach nur auf dummen Umständen basieren, was Mark des öftern als Trostbemerkung benutzte und mich irgendwie einmal mehr in ein schlechtes Licht versetzte. Verschiedene Situationen trieben mich wirklich zum Hass auf die Chilenen, auf mich, teilweise auch auf Mark, und ich will sie Euch im Rahmen dieses Motztextes nicht vorenthalten.

Da war natürlich zuerst mal mein Hausfrauen-Dilema, das Ihr bereits kennt. Um diesem elegant auszuweichen, bewarb ich mich mit gutem Vorsatz beim Roten Kreuz um eine Freiwilligenarbeit. Der Gesundheitsdirektor schlug mir auch gleich eine sehr sinnvolle Arbeit mit Trisomie 21 Kinder vor. Aber dann benötigten sie mehr als zwei Monate Zeit, meinen Lebenslauf mit allen Diplomkopien und zwei Interviews, um mir einen dritten Vorstellungstermin an einem Datum zu organisieren, von dem sie genau wussten, dass ich unterwegs war. Nachdem ich noch mehrfach vergeblich versucht hatte, erneut mit dem Gesundheitsdirektor zu sprechen, habe ich dann ein verzweifeltes und subtil böses Mail geschrieben, in dem ich die Organisations- und Kommunikationsfähigkeit des Roten Kreuzes in Chile in Frage stellte. Ich erhielt zwar später eine super-freundliche Entschuldigung für die Umstände und die Aufforderung, trotzdem meine freiwillige Arbeit dem Roten Kreuz zur Verfügung zu stellen, aber natürlich war es nun zu spät.
Heulkrämpfe: 8
Selbstwertgefühl sinkt auf: 5
Hoffnung auf bessere Zeiten: 10

Die Fremdsprache war eine andere harte Knacknuss. Freunde zu finden auf einem Kommunikations-Niveau von „Soy enfermera de suiza, como esta, y donde estan los banos?“, (was soviel heisst wie „Ich bin Krankenschwester aus der Schweiz, wie geht’s, und wo sind die Toiletten?“), ist nicht einfach und fruchtet sehr schlecht. An den Festen sass ich meistens ruhig in einer Ecke und war schliesslich völlig erschöpft, weil ich dauernd versuchte zu verstehen, worüber soeben gelacht wurde. Die Fähigkeit, ein bisschen langsamer zu sprechen, nachdem ich etwas das dritte Mal nicht verstanden hatte, existierte bei den Chilenen nicht. Stattdessen wiederholten sie den exakt gleichen Satz mit den exakt gleichen Wörter liebend gerne noch einmal. Am Anfang ging ich sogar mit dem Wörterbuch Lebensmittel einkaufen, und es dauerte eine ganze Weile bis ich mich beim Metzger getraute vor all den anderen wartenden Kunden 100 Gramm Schinken zu bestellen. In einer Fremdsprache kann man oft nicht sich selbst sein und sagt vieles nicht, was man in seiner Muttersprache zum Ausdruck bringen würde.
Heulkrämpfe: 3
Selbstwert sinkt auf: 4
Hoffnung auf bessere Zeiten: 9

Das wäre mein Bewerbungsfoto gewesen, wenn ich gedurft hätte

„Wo werden wir uns nach diesem Jahr in Südamerika niederlassen?“ Die Deadline für die Antwort auf diese Frage war schon lange vorbei, und wir wussten es immer noch nicht. Umso glücklicher war ich, als wir uns dann endlich auf Santiago einigten. Ich war damals fest davon überzeugt, dass alles besser würde, sobald ich endlich wieder arbeiten durfte. Voller Motivation widmete ich mich der Jobsuche in Santiago. Es traf mich deshalb umso härter, als ich erfuhr, dass ich meinen Pflegefachfrau-Titel in Chile nicht anerkennen lassen kann: „Ich bin arbeits- und titellos, und Mark hat bereits zwei Mega-Jobangebote von der Universidad de Chile bekommen!“, schwirrte mir damals den ganzen Tag im Kopf rum. Ihr fragt Euch jetzt sicher weshalb das nicht möglich ist. Das chilenische System verlangt für eine profesionelle Krankenschwester die Matura und ein 5-jähriges Studium mit akademischem Abschluss. Da kann ich mich mit meiner Schweizer Super-Lehre, auf die ich so stolz war, hinten anstellen. Na ja, wenigstens hatte ich die 1500.- Franken Überprüfungsgebühr noch nicht bezahlt und nur “wenige“ mühsame Stunden mit Organisieren aller Dokumente verbracht, bis mich die zuständige Person auf dieses kleine Detail hinwies – nachdem ich vorher schon mehrfach danach gefragt hatte. Leider bestätigten mir weitere verantwortliche Personen diese Tatsache, und ich hasste mich zum ersten Mal, dass ich nicht studiert hatte. Jetzt durfte ich nicht einmal mehr den Titel "Krankenschwester“ benutzen, und dies nach 6 Jahren Ausbildung!
Bei der ganzen Bewerbungs- und Titel-Anerkennungsarbeit als Pflegefachfrau kam ich immer häufiger in Kontakt mit der nervenraubenden chilenischen Bürokratie und den typischen hiesigen Ich-ruf-Sie-zurück-und-nie-klingelt-das-Telefon-Situationen. Einmal ging ich einen ganzen Tag nicht aus dem Haus, weil ich den mir dreimal versprochenen und sehr wichtigen Rückruf nicht verpassen wollte. Sogar die Dusche liess ich aus. Es hätte ja sein können, dass es gerade während der Zeit im Bad klingeln würde, und dann wäre ich zu langsam gewesen, um rechtzeitig an den Hörer zu gelangen. Der Anruf kam nie!! Aber auch das stundenlange Anstehen in der falschen Warteschlange, die fehlenden Stempel und die vielen und hohen Gebühren (die ich zum Glück nie bezahlt habe) werde ich so schnell nicht vergessen.
Heulkrämpfe: 12
Selbstwertgefühl sinkt auf: - 10
Hoffnung auf bessere Zeiten: 0

Und dann war da noch die Geschichte mit unserem Bus, die mich zusätzlich kräftig aufwühlte. Der ganze Kaufprozess kostete schon viele Nerven und eigentlich hatte ich die Nase bereits gestrichen voll. Dann mussten wir schmerzhaft feststellen, dass wir trotz erfahrener Beratung durch Freunde ein kaputtes Auto erworben hatten. Das machte mich schon sehr wütend. Was jedoch den Rahmen sprengte war die fehlende Pannenausrüstung, wie Ersatzreifen, Wagenheber etc. Mark und ich entschieden, dass dies zu viel war, und düsten voller Hass und Energie zum Autohändler. Der Verkäufer war jedoch nicht mehr auffindbar, und auch der Chef des Unternehmens liess sich nicht blicken. Nur die Sekretärin lächelte uns fleissig an. Nun fehlte mir alle Gerechtigkeit der Welt, und ich ging kurzerhand zu allen Kunden im Laden und riet ihnen von Geschäften mit diesem Händler ab. Aha, und schon tauchte Mr. Chef persönlich auf und erkundigte sich nach unserem Problem. Dieser junge Mr. Wichtig führte uns daraufhin in sein mit rotem Leder ausgestattetes Büro, um die Sache unter 6 Augen zu klären. Dieses protzige Auftreten sprengte meine letzte Sicherung: Ich schob all seine wertvollen Dinge auf seinem viel zu grossen Schreibtisch zur Seite, setzte mich kurzerhand in deren Mitte und appellierte an seine Moral, die Menschenrechte und an alles andere, was mir auf Spanisch durch den Kopf ging. Erschrocken und überrumpelt schrieb er uns einen Vertrag, dass wir am Abend eine komplete Pannenausrüstung bekommen würden, was dann tatsächlich auch der Fall war.
Leider war es aber noch nicht vorbei! Nach und nach mussten wir fast alles ersetzen, was man an einem Motor ersetzen kann, und dafür nochmal fast 2000,- Franken bezahlen. Nach zwei Monaten stand er immer noch 1400 km von Santiago entfernt in einer Werkstatt in Antofagasta, und war seit Wochen „fast fertig“. Und dann erfuhren wir, dass wir mit dem Bus vielleicht gar nicht über die Grenze gehen könnten: Offiziell gehört der Bus ja einem chilenischen Freund, weil wir als Touristen natürlich in Chile kein Auto kaufen durften. Und als Ausländer darf man angeblich nicht mit einem chilenischen Auto das Land verlassen. Aus der Traum von einer Reise durch Südamerika!. Wir haben dann diverse öffentliche Stellen angefragt (Zoll, Botschaft, Polizei etc.), die uns folgende Lösungen vorschlugen: „Hinterlegt den Wert des Autos auf einem chilenischen Bankkonto“; „Sucht einen Chilenen, der an eurer Stelle mit dem Auto über die Grenze fährt“; „Wenn es bei einem Grenzübergang nicht funktioniert, versucht es beim nächsten“; „Geht gar nicht“; oder „Das sollte kein Problem sein“. Jetzt wissen wir gar nichts mehr, und werden es einfach versuchen.
Heulkrämpfe: 3
Selbstwertgefühl: 8
Hoffnung auf bessere Zeiten: 5

Hmmm, ich glaube, ich bin nun genug schreckliche Dinge losgeworden. Natürlich gab es auch sehr schöne Momente in den letzten Monaten, welche ich jedoch grosszügig hier beiseite gelassen habe, da ich mich für einen reinen Motztext entschieden hatte. Ich frage mich, wie es wohl den Ausländern in der Schweiz ergeht? Wir haben bestimmt auch so eine ecklige Bürokratie, unbegreifliche Gesetze, blöde Regeln, und unsere Sprache und Gesellschaft scheint mir auch nicht das einfachste Umfeld für ein neues zu Hause und neue Freunde zu sein.

Rückblickend habe ich in dieser “schlimmen“ Zeit sehr viel für mich und über mich gelernt. Vieles werde ich beim nächsten Versuch, im Ausland zu leben, anders machen, und mein Traum hat wohl realistischere Formen angenommen . Ich weiss jedoch auch, dass mein Herz in die Schweiz gehört, zu meiner Familie und meinen Freunden. Heute bin ich wieder am blühen, geniesse Chile mit all seinen wunderschönen Seiten und kann die Santiago-Episode akzeptieren und positiv sehen (also bitte keine Erste-Hilfe-Aktionen starten). Trotzdem, es war und bleibt wohl die schwierigste Zeit, die ich je in meinem Leben hatte. Danke an alle, die mir dabei so treu zur Seite gestanden haben, eure Zeit und Zeichen der Freundschaft waren und sind das Wertvollste, das ich besitze.

Euer Frusthaufen Benita