Abschied, ein grausamer Schmerz

Benita, 30.1.04

Langsam kullern uns die Tränen über die Wangen. Endlich stehen wir auf der anderen Seite der Passkontrolle. Unser Abenteuer kann beginnen. Oder hat es nicht schon längst angefangen? Ich fühle mich auf jeden Fall nicht wie Superwomen, die dringend die Welt erobern will. Viel mehr bin ich einfach leer und kraftlos, und meine Energie scheint auf der anderen Seite der riesig grossen Glasscheibe stecken geblieben zu sein, die uns und unsere Familie trennt. Nur zu gerne würde ich wieder zurück in unsere Höhle am Dillileeweg kriechen. In den Alltag, der mich vor so vielen Fragen und Auseinandersetzungen schützt. Irgendwie ist die Welt völlig verdreht. Eigentlich habe ich in dem letzten halben Jahr nichts anderes ersehnt, als diesen Aufbruch resp. Ausbruch. Und nun die erlösenden Tränen am Anfang unseres Traumes.

Die letzten Wochen vor der Abreise war eine Zeit voller Ereignisse, die sich in der Geschwindigkeit eines Kreisels (geübte Hände wissen, wie schnell der sein kann) um uns drehten ohne uns jeweils eine Pause zu gönnen. Mark musste beim Skitouren unbedingt ausprobieren, wie weit man ein Knie verdrehen kann, und hat seine Neugier auf dem Operationstisch teuer bezahlt: Bis auf wenige Ausnahmen waren alle Bänder durch! Und ohne Sport ist Mark einfach nur ein halber Mensch. Ausserdem musste er noch seine Doktorarbeit vollenden („Arghh, der Beweis ist schon wieder zusammengebrochen“) und einen Nachfolger für die Informatikolympiade finden. Gleichzeitig durfte ich mich vermehrt mit Pulmunaliskathetern und Dialyseverfahren auseinandersetzen, meiner Lernlektüre für die Abschlussprüfung meiner IPS-Ausbildung. Zusätzlich plagte uns die Frage nach der Zukunft der Volleyballmannschaft. Wir wollten sie nicht einfach so verlassen, ein Nachfolgetrainer musste unbedingt gefunden werden. Alles zusammen war eine recht harte Probe für unsere Beziehung....

Unser Volleyball-Team (mit uns)

Wie schon so oft war die Zeit und und unser Optimismus unsere Rettung. Mark konnte sich, dank mega-Ehrgeiz und Superphysio, schon bald wieder beim Sport auspowern. Seine Diss hat er gerade noch rechtzeitig ausgedruckt, so dass er am letzten Tag alle 50 Exemplare persönlich signieren und verteilen konnte. Die Informatikalympiade hat ein Riesenteam an der ETH übernommen, und die Volleyballerinnen sind nun mit dem neuen Trainer (gleiche Superphysio wie oben) nur noch am gewinnen (tötet sie ?). Und ich habe meine Ausbildung nach einem Monat intensiv-büffeln ein für alle mal hinter mich gebracht. Jetzt konnten wir uns endlich den wichtigen Dingen, wie Versicherungen, Adressänderungen, Kündigungen, Wohnungsauflösung, Vollmachten etc. widmen. Ich wusste gar nicht, dass die AHV (Altersfürsorge) so kompliziert ist... Nach etwa drei Telefonaten hatte ich endlich raus, was ein Mindestbeitrag ist und wann und wieviel eingezahlt werden muss. Nichts von noch einmal in die Berge gehen oder Freunde besuchen. Das Organisieren hatte uns voll und ganz eingenommen. Was wohl auch der Hauptgrund für die täglichen Änderungen unserer Zukunftspläne war. Wir hatten einfach zu wenig Zeit und Ruhe, um uns ernsthafte Gedanken zu machen. Mal ehrlich, konnte eigentlich jemand jeh nachvollziehen, was wir in den nächsten Monaten tun und lassen werden, und wo?

Unser Volleyball-Team (ohne uns)

Ja und dann noch Simi und Martin. Ich bin so glücklich, dass ich Eure Hochzeit live erleben durfte. Hätte ja niemand mit gerechnet. Aber es gibt auch nur sehr wenig Brautpaare, die sich drei Wochen vor der Hochzeit erst für’s Heiraten entscheiden. Es war ein wunderwunderschöner Abend! Viel Glück Euch zwei, und küsst euch doch nochmal heftig;-)

Am letzten Samstag konnten wir dann alle unsere Freunde noch einmal an unserer Abschiedsparty sehen. Das tat unendlich gut. Wir fühlten uns nochmals so richtig zu Hause in der Schweiz, unter unseren Freunden eben. Nochmals den Kopf in den Nacken werfen mit Bon Jovi (don´t stop drinking beer, Anita), lachen, quatschen, und Spaghetti essen. Einige sind sogar extra für die Party aus dem Ruhrgebiet gekommen, supercool. Gemischte Gefühle gab’s dann beim Abschiedsmarathon: Jede Umarmung von Euch tat weh, aber sie brachte uns auch ein Stück näher zu unserem Traum. Am Sonntagmorgen war dann der Partyraum leer und wieder aufgeräumt (danke Karin!), und es folgten ein paar unersetzbare Stunden mit unseren Familien.

Apropos Familien: Ohne unsere Eltern sässen wir wohl immer noch in Zürich vor dem Chaoshaufen. Danke! Danke! Danke! Danke, Snut und Hinrich, für the-never-ending Bananenschachteln (60!), für das feine Köcheln, was uns sonst vergessen gegangen wäre, und für Eure seelische Unterstützung in dieser turbolenten Zeit. Und Danke, Peter, für all die tausend Rollen, die du für uns angenommen hast: Koch, Gastgeber, Ratgeber, Fahrer etc, und der beste Papi überhaupt auf Erden. Ohne Euch wäre unser Traum nie in Erfüllung gegangen.

Papi Peter (als Babysitter)

Mark's Eltern Christa (Snut) und Heinz (Hinrich)

Nie werde ich die letzte Nacht vor dem Abflug vergessen. Ich war hin- und hergerissen. Die 10 kg Rucksäcke waren gepackt (na gut, es waren 11 und 14kg) und ich freute mich auf das neue Unbekannte. Endlich Ausbrechen aus dem Alltag. Ich wollte wieder Zeit haben für die Zeichen in meinem Leben, für die Natur. Mein Leben von der anderen Seite des Globus betrachten, wach werden und nicht im Trott des Alltags verschwinden.

Mein Zwilling Chrigi

Gleichzeitig durchlebte ich Panikattacken. Ich stellte alles in Frage und wusste überhaupt nicht mehr, weshalb ich das eigentlich mache. Am meisten Angst hatte ich davor, mich von Chrigi zu verabschieden. Wir gehören doch einfach zusammen. Es war alles irgendwie falsch und doch richtig. Irgendwann packte mich der Schlaf, und ehe ich mich versehen konnte, standen wir am Flughafen. Ein letzter Kaffee mit der Familie, und dann der endgültige Abschied. Als ich sah, dass Mark auch weinen musste, wusste ich, dass ich nicht alleine sein werde in meinem Traum. Und ich wusste: Das ist es, das will ich! Ausbrechen, zusammen mit Mark!

Wie es uns in Canada geht? Finden wir Zeichen? Können wir den Abschied hinter uns lassen?
Natürlich werden wir Euch so oft, wie uns das Schreiben lockt, berichten. Auf alle Fälle wissen wir schon jetzt, dass wir oft an Euch denken werden....