Toronto-Waterloo: Eisige Kälte im Niemandsland

Benita, 3.2.04

 

Pünktlich wie gewohnt beginnt das Flugzeug träge auf die Startbahn zu rollen. Ein paar letzte Atemzüge der heimatlichen Luft, und schon werden wir beim Start tief in die Sitze gedrückt. Die Tränen kullern immer noch über unsere Wangen. Ich spüre bereits die ersten verwunderten Blicke der Sitznachbarn auf mir - was mich jedoch ziemlich kalt lässt. Und da mein Augenwasser immer wieder von neuem überquillt (muss etwas mit dem vegetativen Nervensystem zu tun haben, dass man beim besten Willen nicht steuern kann), lasse ich die Tränen einfach rollen. Mark scheint es nicht anderst zu gehen, nur nickt er von Zeit zu Zeit immer wieder ein. Dieser Zustand verfolgt uns bis London. Dort werden meine Tränen dann plötzlich von einem hässlichen Fieberschub abgelöst. Am liebsten will ich jetzt nur noch liegen und schlafen. Einfach nur schlafen, bis die acht Stunden eingeklemmt sein zwischen den Sitzen mit Kopfhörern, Decken, Kissen, Sicherheitsgurt und Safety-Card vorbei sind. Mein Körper lässt mir jedoch keine Ruhe. Jede einzelne Sitzhaltung schmerzt, die Augen brennen und der Flug von London nach Toronto wird langsam zum absoluten Alptraum. Es kommt mir vor als wäre dies die Strafe für all die stressigen Stunden, die ich meinem Körper in letzter Zeit zugemutet habe. Eine Trotzreaktion meines Immunsystems, das schon lange auf den richtigen Moment gelauert hat. Mark, geplagt von meinem Klagen, macht jetzt der ganzen Sache einen Strich durch die Rechnung: Er bestellt heldenhaft ein paar Tabletten Paracetamol beim Flugpersonal. Dies kostet ihn jedoch eine Menge schriftliche Arbeit bevor ich die Erlöserli in den Mund werfen kann. Habe ich nicht genau die Symptome von SARS? Egal, Hauptsache ich kann jetzt endlich schlafen...

Einige Stunden später bekomme ich von Ivana, die auf uns am Flughafen in Toronto wartet, eine dicke Umarmung. Ich bin so unendlich froh, ein bekanntes Gesicht zu sehen, das uns an der Hand nimmt und uns direkt in eine warme Wohnung mit einem grossen Bett führt. Nach so vielen Abschieden war dieses Wiedersehen einfach Gold wert. Es folgen vier Tage Bettruhe mit Paracetamol und der unermüdlichen Fürsorge von Mark. Krank sein kann so schön sein und richtig gut tun.

Typisches Haus

Chinatown

CN-Tower

Toronto ist mit 3,5 Millionen Einwohnern die grösste Stadt von Canada. Sie ist während unserer Besuchszeit total schneebedeckt, und die Temperaturen sinken weit unter 0º C. Dies verleiht der Luft erfrischende Klarheit, welche meist von einem tiefblauen Himmel gekrönt wird. An den abenteuerlichen Wind, der auch bei drei Kleiderschichten durch Haut und Knochen geht, kann ich mich lange nicht gewöhnen. Feindseelig trage ich Mütze, Halstuch und dicke Handschuhe. Mark hingegen blüht richtig auf, und er kann es kaum erwarten, jeden Morgen eine Stunde durch die verschlafenden Gässlein von Toronto zu traben (joggen) und dann überglücklich mit gefrorener Brille und Eiszapfen an der Nase wieder an Ivanas Tür zu klopfen. Wir geniessen die Zeit in Toronto sehr. Energie kehrt wieder in uns zurück, und wir bewundern stundenlang die Architektur der bunten Häuschen hier, schlendern durch Chinatown, köcheln ein wenig und kaufen unsere lang ersehnte Photokamera: Die Lumix von Panasonic, mit 12-fach optischem Zoom und 4.0 Megapixel. Ein geiles Ding! Leider kann ich Euch mit dieser Kamera kein Photo davon machen (kleiner Scherz).

Ivana und John

Am schönsten ist jedoch der Abend mit Ivana und ihrem sympathischen Freund John. Für Insider: Nein, sie hat sich nicht verändert. Sie ist nach wie vor eine Powerfrau, die vor Energie und Lebensfreude fast platzt. Es tut so gut, bei einem Glas Wein mit ihr über die wichtigen Dinge im Leben zu quatschen und zu lachen. Cool finde ich auch, dass uns Ivana ihre Pflanzenzucht an der Universität zeigt. Ich bin beeindruckt, was sie so alles den lieben langen Tag macht. Ich konnte mir eben die Arbeit einer Biologin an der Universität überhaupt nicht vorstellen. Und falls Ihr jemals Ivana besuchen geht: sie hat von ihrem Treibhaus aus die beste Aussicht auf den CN-Tower, und der Vietnamese um die Ecke macht die besten Suppen. Danke, Ivana, für alles...

Natürlich lässt uns unserer Terminkalender auch im neuen Leben nicht im Stich. Mark hat seinen ersten Bewerbunsvortrag anfangs Woche in Waterloo. Auf der Fahrt dorthin beschäftigt mich stark die Frage, was passieren würde, wenn Mark kein Jobangebot bekäme oder wenn ihm keine Universität gefallen würde. Nicht, dass ich nicht an ihn glaube, ganz im Gegenteil. Gerade weil ich so fest an ihn glaube, ist mir dieser Gedanke noch nie durch den Kopf gegangen. Mark scheint sich schon damit auseinandergesetzt zu haben und sieht diese Bewerbung als Zeichen. Falls sich keine gute Zukunftsoption ergibt, dann ist er auch nicht für die Forschung gedacht. Und ich bin mir sicher, dass uns dann sicher etwas anderes, unseren Träumen entsprechendes einfallen wird. In unser Gespräch vertieft merken wir nicht, dass wir uns bereits Downtown Waterloo nähern. Die Uni hat für uns ein Zimmer im Waterloo-Hotel reserviert. Nicht schlecht oder fancy beschreibt das Zimmer wohl am besten. Wir müssen uns zuerst an diesen Luxus gewöhnen, bevor wir ihn geniessen können. Mark nistet sich gleich mit unserem Computer ein und gibt seinem Vortrag noch den letzten Schliff. Ich bin nun die Auserwählte, die ihn als erste hören darf. Fragt mich nicht, was er erzählt. Ich verstehe von diesen komischen Formeln und Zeichen gar nichts, habe jedoch ein gutes Gefühl. Nur dieses Rumhampeln und von einem Bein auf das andere springen, das muss er sich bis Morgen noch abgewöhnen.

Mark am Arbeiten

Unser Bad

Die Hauptstrasse von Waterloo

Am nächsten Morgen gebe ich Mark noch einen letzten Glückskuss auf den Weg an die Uni, dann bin ich allein mit Waterloo. Was soll ich jetzt machen? Ich gebe mir alle Mühe und gehe für eine Stunde nach draussen um die Stadt zu besichtigen, und um ein paar Bewerbungsbögen beim Spital zu ergattern. Sie bieten mir sofort einen Job an. Überrascht von diesem Angebot, etwas entäuscht von der Stadt, und einmal mehr deep frozen kehre ich zu unserem Kamin im Hotelzimmer zurück. Ist da wirklich nichts, was frau in Waterloo unternehmen könnte? Ich erhoffe mir etwas Unterstützung an der Rezeption. Aber auch da kann man mir nicht weiterhelfen. Ok, da ist ja immer noch die Gebrauchsanweisung der Kamera, die ich mir noch zu Herzen nehmen könnte. Natürlich dreht mir nach zwei Stunden der Kopf und ich versuche es erneut mit nach draussen gehen. Diesmal gehe ich in die andere Richtung der Hauptstrasse. Nichts als viel Schnee, schöne grosse Häuser, Schnee horizontal und nochmals viel Schnee. Hier lässt mein Optimismus nach und ich weiss jetzt, in Waterloo gibt es wirklich nichts ausser einer superguten Uni, die beste in Bio-Informatik in Canada, wie mir Mark später erklärt. Meine Erkenntnis erblast jedoch, als ich am Abend Marks leuchtende Augen sehe. Und ratet mal: JA, sein Vortrag lief super und er hat sein erstes Jobangebot erhalten! Ich freue mich total mit ihm.

Ach, was ich fast vergessen hätte: Mark ist schwer beeindruckt von meinem Kamerawissen. Ich erzähle ihm natürlich nicht, wie lange ich diese Anleitungsblätter hin-und her studiert habe. Der zweite Tag in Waterloo verspricht mir nicht mehr. Es ist ein Schneesturm angekündigt und die Schulen und Universitäten sind deshalb geschlossen. Mark trifft sich nun mit einem Professor im Cafe. Und ich und das schöne Waterloo sind wieder einmal für sich. Plötzlich habe ich einen genialen Gedanken. Was passiert, wenn es Benita langweilig wird? Genau, sie färbt sich die Haare. Schnell ziehe ich meine drei Schichten Kleider an und suche mir einen sympathischen Coiffeur-Laden. Voila, ein Hair-Dressing-Salon, ist genau das Richige für mich. Ich verbringe an die vier Stunden mit färben, waschen, schneiden, föhnen, lesen von Klatschspalten, und unterhalte mich köstlich mit Waterloo-Frauen über das Heiraten. What a nice day!

Wer ist denn das?

Schnell düse ich wieder zurück in unsere Luxusheimat, um mich mit meiner neuen Frisur nochmals im Spiegel anschauen zu können, bevor Mark nach Hause kommt. Irgendwie ist etwas anders, und plötzlich sehe ich zwei Gestalten vor dem Kamin sitzen. Etwas verwirrt schaue ich sie an und bin mir nicht ganz sicher, ob ich nicht träume. Nein, die sind Wirklichkeit. So etwas habe ich noch nie gesehen. Ganz klein und flauschig, aber trotzdem bewegen sie sich wie echte Lebewesen. Der eine sieht einem Esel gleich und die andere hat etwas von einer Giraffe. Leise und unbeholfen frage ich sie, ob sie sprechen können. Worauf der Esel zuerst grunzt, sich räuspert und dann klar und deutlich sagt: „Ich bin Earl Grey und das ist Jamira.“...

Jamira & Earl Grey