Casimirs grande Excursion

Hinrich (Marks Papa), 14.5.2004

Dienstag, 27. April 2004: Nach 18 Stunden Flug freuen wir uns, endlich unsere Kinder wiederzusehen. Benita und Mark sind da und winken mit einem riesigen Luftballon. Per Bus und Taxi geht’s nach Hause, und wir bekommen einen ersten Eindruck von Santiago de Chile. In der WG wartet eine Überraschung auf uns: Wir haben ein eigenes herrliches großes Zimmer mit Blick auf die Stadt. Nachdem wir uns etwas eingerichtet haben, lernen wir endlich Casimir kennen, ein quietsch-gelber freundlicher VW-Bus, Baujahr 1990, der früher als Schulbus treue Dienste geleistet hat. Casimir soll in den nächsten drei Wochen unser ständiger Begleiter sein. Von den vier Sitzreihen werden erst einmal zwei ausgebaut, so daß wir reichlich Platz für unser Gepäck haben.

Am nächsten Morgen fahren Benita und Mark los, um Casimir noch etwas schönes für die Reise zu kaufen: zwei 10-l-Trinkgefäße, Wasserkanister für die Luftkühlung (häh?), Kreuzschlüssel, einen 2-Personen-Sicherheitgurt usw. Wir Oldies nehmen die U-Bahn in die City und schauen uns die Fußgängerzone an. Überwiegend sind alle elegant gekleidet, Anzug mit Krawatte oder Kostüm mit Stöckelschuhen, alle zehn Meter ein Schuhputzstand. Die Straßen sind blitzsauber und voll mit Autos, Taxen und großen gelben Bussen. Überall stehen junge Leute mit dem Handy am Ohr. Wir hatten eine ganz andere Vorstellung von Chile. Plötzlich ein bekannter Pfiff, und Mark steht vor uns. So klein kann eine 4-Millionen-Stadt sein.

Heute ist es soweit, Casimir soll mit uns eine kleine Runde um den Block drehen. Ein kurzer Dreh mit dem Schlüssel – er muckt zwei- bis dreimal auf, dann sagt er nichts mehr. Gleich um die Ecke gibt’s einen Mech, der den VW schon kennt. Der kommt, schlägt mit dem Schraubenschlüssel kurz auf die Batterie und erweckt neues Leben in ihm. Danach klemmt er sich unseren Luftfilter unter den Arm und verschwindet mit den Worten „Fahrt doch mal eben in die Werkstatt“. Wir Technik-Experten stellen erstaunt fest, daß ein Motor auch gut ohne Luftfilter läuft. Nach ein paar kleineren Reparaturen können wir am Abend endlich unsere erste Runde drehen.

Das Meer bei Los Villos

Busbewohner

Wüstenbewässerung

Freitag früh geht’s dann endlich los Richtung Norden (südlich des Äquators ist der Norden ja wärmer). Links der Pazifik und rechts die schneebedeckten Anden, eine herrliche Landschaft. Benita und Mark sitzen vorn, davor in der Loge natürlich Jamira und Earl Grey, hinten Snut und ich. In Los Villos kaufen wir etwas ein und picknicken am Strand in der Sonne. Beim ersten Tankstopp stellen wir fest, daß Casimir heimlich ganz schön schluckt, auf 100 km über 14 Liter. Am Abend suchen wir uns in Ovalle eine Unterkunft, um am nächsten Morgen in den „Nebelwald“ zu fahren. Eine Schotterstraße, 17 km lang, die immer steiler wird. Casimir keucht und fleucht, aber er muß da hoch. Nach und nach benutzen wir immer kleinere Gänge, bis wir nur noch im ersten fahren. Als es zu steil wird, reisst Casimir spontan seine Heckklappe auf, um sich von unserem Gepäck zu trennen. Wir stoppen, hängen am Berg und drehen durch. Also zurück, viel Schwung nehmen, und mit Anlauf hoch. Es dauert mehr als zwei Stunden, bis wir den Berg bezwungen haben und uns den Nebelwald anschauen können. Nach der Fahrt durch die trockene Landschaft mit prachtvollen blühenden Kakteen ist es schon verblüffend, daß hier oben alles wie wild wuchert. Aber „Nebelwald“ hatten wir uns anders vorgestellt: Es ist strahlender Sonnenschein und eine herrliche Aussicht auf den Pazifik. Benita findet den Smog von Santiago nebliger. Ein bißchen enttäuscht fahren wir wieder runter (natürlich wieder nur im ersten Gang) und übernachten in La Serena, wo Benita und Mark eine freundliche kleine Pension kennen. Es ist ein netter kleiner Ferienort mit einem herrlichen Strand, der zum Joggen am nächsten Morgen einlädt. Anschliessend schleppt uns Casimir über 300 km bergauf und bergab. Es gibt keine blühenden Kakteen mehr, nur noch Geröll und Felsen. Am Abend laufen wir blubbernd in Caldera ein.

Zufahrt zum Nebelwald

Unsere Lieblingspflanze

Highway to hell

Am nächsten Morgen schieben wir Casimir die Straße runter, damit er wieder auf Touren kommt. Nach einigem Murren und Knurren springt er an, kurz bevor er ins Meer stürzt. Au, au, wir haben doch heute noch über 600 km durch die Atacama-Wüste vor uns. Die ersten zwei Stunden geht’s in Serpentinen steil bergauf. Danach ist kein Grashalm mehr zu sehen, nur Felsenmeer und Steinwüste, und ab und zu eine verlassene Hütte. Casimir will uns etwas sagen, aber er fängt an zu stottern. Er will nicht mehr so schnell fahren, also statt 95 nur noch 80 km in der Stunde. Auf gerader Strecke fahren wir dann noch 65 im dritten Gang. Wir gönnen ihm jetzt immer öfter eine kleine Pause. An der einzigen Tankstelle unterwegs an dieser Strecke wollen wir ihm etwas Gutes tun und tanken Super, aber auch das mag er nicht, und er hustet noch schlimmer.

Den nächsten Rastplatz fahren wir bellend und stotternd an. Sämtliche Hunde kommen freudestrahlend auf uns zu, so einen großen gelben bellenden Hund haben sie noch nie gesehen. Zum Glück geht’s danach nicht mehr bergauf, sondern nur noch gerade und bergab. Benita übernimmt jetzt das Steuer, und wir schleppen uns weiter im zweiten und dritten Gang dahin. Als es dunkel wird, übernehme ich wieder und gebe mein Bestes. Jetzt geht’s bergab, und wir fahren 70 im vierten Gang. Wir hoffen und beten, daß Casimir dieses Tempo durchhält. In weiter Ferne sehen wir endlich Lichter. Das könnte Antofagasta sein. Wir haben es geschafft. Mark fährt die letzten Kilometer, und wir sind überglücklich, als wir nach fast zehn Stunden Wüste endlich wieder Häuser und Menschen sehen. Durch Casimirs langsames Tempo ist uns bewußt geworden, wie riesig die Atacama-Wüste eigentlich ist.

In Antofagasta wird Casimir gründlich untersucht, und wir erfahren, daß wir die Atacama mit nur zwei Zylindern durchquert haben. Wir sind unendlich glücklich und stolz auf unseren tapferen kleinen Bus, und gönnen ihm zur Belohnung eine Auszeit.